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10.03.2012 19:27

Interview: Die Bereitschaft, sich zu engagieren, ist besonders groß an den Lebensübergängen

Gemeinden auf der Suche nach mehr ehrenamtlichen Mitarbeitern stehen im Wettbewerb mit säkularen Organisationen. Was bedeutet das praktisch? Anke Wiedekind antwortet dazu auf Fragen von Henning von Vieregge. Das Interview ist in seinem Buch "Der Ruhestand kommt später" abgedruckt . Darin geht es um die Lebensphase nach der letzten Vollbeschäftigung und vor dem Ruhestand, in der immer mehr Menschen sinnvoll arbeiten wollen, bezahlt und unbezahlt. Der Autor lange im Kirchenvorstand unserer Gemeinde, zeitweilig auch Vorsitzender, wohnt mittlerweile in Mainz und musste sich deswegen aus unserer Gemeinde etwas zurückziehen, ist aber nach wie kirchenengagiert, aktuell als Jurymitglied im Chrismon-Wettbewerb "Gemeinde 2012". Mehr zu seinem Buch und Hennings Aktivitäten unter www.vonvieregge.de. Wir dokumentieren das Interview mit Anke im vollen Wortlaut, weil es Diskussionsstoff zu unserer weiteren Entwicklung als partizipationsoffene Gemeinde enthält.

Vorspann

 

Zivilgesellschaft flickt Löcher, die in Staat und Wirtschaft reißen. Und verbessert Lebensqualität. Das ist die Hoffnung. Kann Beteiligungsgemeinde mindestens lokal den Abwärtstrend der Volkskirche stoppen und die Löcher bei Finanzen und Personal an der Basis ausgleichen? Entsteht bei di9esem Modell eine neue Glaubensqualität? Darüber sprach ich mit der Theologin und Psychologin Anke Wiedekind, 40. Sie ist vom Gemeindeaufbauverein finanzierte Pastorin und Geschäftsführerin der ev. Andreasgemeinde in Eschborn-Niederhöchstadt vor den Toren Frankfurts.(Anm)

 

HvV: Eines Ihrer Bücher heißt  "Entdecke Dein Potenzial". Sie wissen also, dass falsch eingesetztes Engagement verschenktes Engagement ist. Am Beispiel Ihrer Gemeinde: Wenn dort alles ideal liefe, wie wäre es dann?

 

AW: Es wäre optimal, wenn man Mitarbeiter, bevor sie einsteigen, hinsichtlich ihres Potentials abfragte. Ob sie dazu ein Seminar machen müssen, wie wir eines anbieten, kann man im Einzelfall entscheiden.  Viele Menschen bringen auch schon genügend Erfahrung und Selbstwissen mit, um einschätzen zu können, was sie nicht gut können, und was sie gut können. Wichtig ist, dass man abprüft, wie groß das Zeit-Reservoir ist. Das kann sehr unterschiedlich sein. Und wie es zur Verfügung gestellt wird. Es gibt Leute, die über einen längeren Zeitraum eine  bestimmte Zeit pro Woche investieren wollen. Immer häufiger kommt vor, dass Menschen sich über kurze Distanzen engagieren wollen, eher im Sinn einer Projektarbeit, ganz intensiv, und dann aber auch ein sichtbares Ende ihres Engagements haben wollen, um wieder frei zu sein für etwas Neues. 

 

Geklärt werden muss aber auch noch, wie der oder die Neue arbeiten will: von zu  Hause aus und  lieber alleine oder eingebettet in eine Gruppe.  Viele suchen auf diesem Weg Sozialkontakte, wollen in der Gruppe auch ein Stück weit aufgefangen sein. Und dann gilt es, die passende Aufgabe zu finden. Wenn das gelingt, sind die Leute sehr glücklich mit dem ehrenamtlichen Engagement. 

 

HvV: Kann man den Niedergang der Volkskirche so aufhalten?

 

AW: Ich denke schon. Das Stichwort heißt Beteiligungskirche. Es geht darum, dass man nicht nur Menschen betreut, sondern ihnen aktiv die Möglichkeit gibt, sich zu engagieren, mitzugestalten und zu helfen. Viele bei uns in der Gemeinde waren bereit, bevor sie sich mit Glaubensfragen auseinandersetzten, an irgendeiner Stelle mitzuhelfen, zum Beispiel als Musiker oder Techniker  oder in unserem Buchladen "Der 7. Himmel". Sie sind oft über die Mitarbeit zum Glauben und der Kirche ein Stück näher gekommen.

 

HvV: Beteiligung als  eine Brücke zum Inhalt?. Ich muss also nicht erst eine Prüfung bestehen, ob ich auch ordentlich glaube, sondern man sagt, wenn du mitmachen willst, mach das und dann schaust du mal. Ist das so bei Euch?

 

AW: Ja. Die Bereitschaft, sich zu engagieren, ist besonders groß an den Lebensübergängen. Frauen in der Phase, wo sie Kinder bekommen und aus dem Beruf aussteigen, haben eine kleine Möglichkeit, etwas darüber hinaus zu tun. Oder beim Übergang ins Rentenalter, wo sich eine Lücke auftut. Oder auch in der Midlife-Crisis, wenn  Menschen merken, sie haben wichtige Ziele in ihrem Leben erreicht, aber es fehlt noch etwas. Dann eröffnen wir die Möglichkeit, sich zu engagieren, etwas zu gestalten und dabei Bestätigung, Sinnerfüllung zu finden. 

 

HvV: Viele wollen etwas tun, wissen aber nicht wie sie starten sollen oder trauen sich einfach nicht. 

 

AW: Es gibt schon eine Aufmerksamkeit für diese Phasen, aber, an der Stelle  ist auch bei uns noch enorm viel Steigerungspotential. Was aber in der Gemeinde vermittelt wird ist eine große Offenheit gegenüber allen, mitzumachen. Es gibt immer wieder Stellenangebote, immer wieder Projekte, wo man anheuern kann. Und gerade diese Möglichkeit, sich mal punktuell zu engagieren, ist für viele Leute die Eintrittskarte, die sie suchen. 

 

HvV Man sagt, mach erst mal mit, du verpflichtest dich nicht für alle Zeiten. Ist es so?

 

AW Genau! Und, ganz wichtig, beim Einstieg muss der Ausstieg schon mit angeboten sein. Und beim Ausstieg muss auch der Einstieg wieder mit angeboten sein. Also eine Art Kreislauf. 

 

HvV Manche Leute haben gar keine Fantasie, wie sie hilfreich sein könnten. Sie denken, ich habe ganz was anderes gemacht, ich kann ja gar nichts. Andere, gerade bei Älteren gibt es diesen Typus, denken, sie können alles. Sie haben den Rollenwechsel nicht begriffen, wenn man nicht mehr der Chef im Ring ist. Was machen Sie bei so unterschiedlichen Engagement-Offerten?

 

 AW: Man braucht unterschiedliche Ansprechmethoden. Für die sehr Selbstbewussten braucht man das Gefühl: ja, sie haben die Möglichkeit, was darzustellen, aber sie müssen sich auch ein Stück weit einordnen in den Rängen. Und für eher Zurückhaltende ist eine Art  Selbstbewusstseinstraining notwendig. Ich nenne als Beispiel eine Mitarbeiterin in unserem Buchladen. Sie hat sich am Anfang  überhaupt nichts zugetraut hat, weil sie aus einer depressiven Verstimmung heraus kam. Nach ihrem ehrenamtlichen Engagement ist sie dann in den Buchhandel als Sekretärin gegangen. Da hat das ehrenamtliche Engagement  geholfen, auch beruflich gute Wege zu gehen. 

 

HvV Wie ist die Rolle der Hauptamtlichen in diesem Spiel?  Kommen nicht manchmal Menschen, die  mehr Probleme als Lösungen  mit sich tragen? Erfordert die Bereitschaft, die dann mitzunehmen, nicht  eine grundsätzliche Offenheit der Hauptamtlichen zugunsten von Engagement, aber auch Ressourcen?  

 

AW Es bedeutet, dass man als Hauptamtlicher wie ein Trainer funktioniert, also nicht nur die kurzfristige optimale Zielerreichung  im Auge hat, sondern auch bereit ist, in  Menschen zu investieren, damit sie wachsen und gedeihen. Ein gutes Beispiel sind Jugendliche, die als Konfirmanden einsteigen, aber natürlich nicht wissen, was es bedeutet, ein Team zu führen, eine Gesprächsgruppe zu  leiten usw. Wenn das Investment gut läuft, hat man eine Kaderschmiede mit überdurchschnittlich begabten Leitern, von denen einige so  ihre Berufung finden.  

 

HvV Wie stimmt man eine Kirchengemeinde auf Beteiligung ein? 

 

AW Es ist ganz wichtig, dass die Leitung den Mut zur Lücke hat. Sie muss Dinge liegen lassen können, sich selber auf eigene Gaben zu konzentrieren. Sie muss bereit sein, Macht und Kontrolle abzugeben. So kommen andere in Funktion und Verantwortung Es muss sehr genau formuliert werden, was man sucht, welche Stellen besetzt werden müssen oder sollen.  Gemeindeleitung muss auf  Menschen zugehen und sie einladen, ermuntern und  trainiere mitzumachen.    

 

HvV  Ich vermute, dass 95 % der Pfarrer Ihr Statement unterschreiben würden. Aber Beteiligungsgemeinde ist doch mehr Vision einiger, als Realität vieler...   

 

AW Ich denke, Ihre Schätzung stimmt so nicht. Ich glaube, dass die meisten Pfarrer sich nicht als Verteiler des Ehrenamtes verstehen, sondern als die Verkünder des Wort Gottes, Repräsentanten ihrer Kirche usw. Wenige Pfarrer teilen das kybernetische Verständnis, das wir favorisieren: das Verständnis, dass der  Gemeindepfarrer auch dazu da ist, immer wieder neue Dienstbereiche aufzubauen, Ehrenamtliche zu integrieren. 

 

HvV Ist auch Teil des Gemeindelkonzepts, dass vorrangig in über den Gemeindeaufbauverein geführtes Personal investiert wird und damit auch ein Kreislauf des Spendeneinstiegs in Gang kommt? 

 

AW  Genau! Ehrenamtliche Mitarbeit ist eine Form von  personal fundraising, die letztendlich auch finanzielles fundraising zur Folge hat. In beiden Fällen geht  man ziemlich gleich vor. Wir sind eine wachsende Gemeinde und wollen weiter wachsen. , Dazu brauchen wir Spender von Zeit und Geld. Man weiß, dass eine hauptamtliche Kraft 20-30  Ehrenamtliche binden kann. Dann ist ein weiterer Hauptamtlicher nötig, der weitere Ehrenamtliche binden kann. 

 

HvV Hauptamtlich heißt aber nicht notwendig 100 %, oder? 

 

AW Nein. Wir haben fast keine 100%-Stelle, wobei wir davon ausgehen, dass es gut ist, wenn Menschen hier ein Standbein haben, aber darüber hinaus ein Spielbein haben, was sie mit dem Rest der Welt verbindet. 

 

HvV Wie viel Personal gibt es und wie finanziert?

 

AW  Aus  Kirchensteuern haben wir einen bezahlten Pfarrer, zwei Sekretärs-und Buchhaltungs-Stellen,  ein halbe Stelle Organist/Chorleiter sowie eine halbe Küsterinstelle. Das ist es für rund 1200 Haushalte.

 

Der Gemeindeaufbauverein, also Eigenmittel, finanzieren  zwei pastorale Mitarbeiter zu 65 und  70 %. Und dann haben wir noch für die verschiedenen Altersgruppen jeweils einen hauptamtlichen Mitarbeiter. Und noch einen  Theater-Pädagogen, der die kreative Arbeit leitet. Und dann kleine Projektstellen. Und eine Geschäftsführung, die gleichzeitig installiert ist. Das sind in Summe so um die 15 Hauptamtliche auf aktuell acht Stellen..  

 

HvV Das heißt, also ungefähr 200 Ehrenamtliche .. Wie trainiert man die Hauptamtlichen, dass die das Beteiligungskonzept kapieren und in ihrem Verantwortungsbereich auch machen wollen? 

 

AW Erstens ist es eine Frage der Personaleinstellung. Wir haben schmerzhaft gelernt, dass wir Menschen  einstellen müssen, die per se ein multiplikatives Verständnis haben. Wir brauchen einen Typus,  dem klar ist, dass er seine Arbeit nicht selber machen soll, und  der auch vor einem großen Aufgabenkatalog nicht zurückschreckt, weil er verstanden hat, dass er das zusammen mit vielen Ehrenamtlichen leisten soll. Bringt die Bewerberin, der Bewerber  genügend Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen mit? Wir haben beim Auswählen Fehler gemacht, hatten auch die eine oder andere Trennung und haben so gelernt, dass das ein existentieller Punkt ist für uns. Wir wollen Hauptamtliche, bei denen  51Prozent  ihrer Arbeit multiplikativ ist, wir haben es aber nicht immer nachgeprüft und durchgehalten. 

 

HvV Wie merkt man, dass man die richtige Person vor sich hat? 

 

Erfahrung der Auswählenden  und Nachweise durch den Kandidaten. . Man kann es manchmal durch Fragen zur Führungsfähigkeit feststellen, ob Menschen einen antizipativen Leitungsstil oder eher einen autoritären Führungsstil haben. Und auch an konkreten Maßnahmen der Mitarbeiterförderung, der Wertschätzung, ob Menschen ein System haben, wie sie Mitarbeiter anleiten, sehen.  

 

HvV Was sind die drei wichtigsten Merkpunkte und die drei heftigsten Fehler im Umgang mit Ehrenamtlichen?

 

AW  Ein wichtiger Punkt ist die Mitarbeiter-Kompetenzübertragung, die durchgehalten wird. Wertschätzung ist ein weiteres ganz wichtiges Thema; Einschätzung was sie leisten können und sie nicht überfordert. Fehler:  sie für den Papierkorb arbeiten zu lassen; ihre Arbeit nicht zu  sehen; und sie Hiwi-Dienste machen zu lassen. 

 

HvV Der Hauptamtliche ist nicht in jedem Fall der Häuptling?

 

AW Das war für mich der Clou im "Siebten Himmel", unserem Kultur-, Informations- und Buchladen: Wir hatten anfangs eine Buchhändlerin eingestellt und die hat als Fachfrau das ehrenamtliche Team wirklich nur als Hilfsmitarbeiter verstanden. Als sie dann gegangen ist, war es so, dass jeder Mitarbeiter einen Aufgabenbereich bekommen hat, für den er selbst verantwortlich war mit den entsprechenden Kompetenzen. Das hat dem Team einen enormen Motivationsschub gegeben und auch ein großes Verständnis. 

 

HvV Braucht man nicht aber doch eine Kraft, die so einen Laden zusammen hält?

 

AW Genau!  Aber wir haben gelernt, dazu ist nicht unbedingt eine Fachleitung von Nöten, sondern eher eine Leitung,  die die Menschen motiviert, die Visionen vermittelt, und die wertschätzt. Die Fachkompetenz lässt sich häufig über ganz andere Wege reinholen.

 

HvV Ist es nicht gerade in einer Kirchengemeinde, in der es ja im Kern um Glaubensverkündung und Glaubensfragen geht, kaum verhinderbar, dass diejenigen, die predigen, von allen Seiten gleichzeitig als die Häuptlinge angesehen werden? Also doch pastorale Zentrierung und damit Fixierung auf das Hauptamt? 

 

AW Gottesdienste haben bei uns eine Doppelleitung, in der Regel ein Ehrenamtlicher und ein Hauptamtlicher. Es gibt aber auch Gottesdienste nur durch Ehrenamtliche, Liturgie und Predigt. Aber grundsätzlich ist es manchmal schwer, den Ehrenamtlichen die Letzt-Verantwortung zu geben, obwohl es eigentlich gut wäre, nicht allein um die Pastoren zu entlasten,  sondern ihnen damit auch die Möglichkeit zu geben, wieder was Neues starten zu können. Allerdings ist in unserer Gemeinde durch das Konstrukt Pfarrer plus teilfinanzierte Pastoren ja schon eine erhebliche Dementierung ein Stück weit  Realität. Die Schwierigkeit ist auf beiden Seiten: Bei denen, die abgeben und bei denen, die annehmen. So etwas wächst Schub um Schub. Was hilft, ist eine fortdauernden Verständigung innerhalb der gesamten Gemeinde über die gemeinsamen Ziele bis hin zu einer verbindlichen Corporate Identity. Und die gemeinsame Kultur, wir sind eine Gemeinde, in der man per „Du“ ist.

 

HvV Ist das, was hier läuft, ein Beitrag zur Zivilgesellschaft? 

 

AW Eindeutig. Was wir tun, lässt sich Würde ich auf jeden Fall sagen, auf den allgemeinen zivilgemeindlichen Kontext übertragen.  

 

HvV Täuscht der Eindruck, dass ein solches Modell nur funktioniert, wenn die Akteure beim Start weitgehend unabhängig vom Wollen und Grollen des Umfelds handeln? Und erst, wenn nachdem eine gewisse Stabilität erreicht ist, man riskieren sich in der politischen Gemeinde und der verfassten Kirche abzustimmen?

 

AW  Bei uns ist es so, dass wir aus einer Abgrenzung heraus Integration starten. Das führt natürlich hin und wieder zu Irritation. Eine Kirchengemeinde, die sich jahrelang eher abgekapselt hat, also beispielsweise deutlich gemacht hat, dass sie am hiesigen Vereinsleben  nicht teilnimmt, irritiert, wenn sie sich jetzt beteiligen will, sogar über das hinaus, was bisher eingeübt ist. Die katholische Schwestergemeinde, die traditionell und von ihrer Führung her im  Vereinsleben und in der Kommunalpolitik stark eingebunden ist, unterstützt uns nun.  

 

HvV Anders als bei einer freikirchlichen Gemeinde soll das, was geschieht, zudem 

Modell im Einklang mit der Amtskirche geschehen. Ist das nicht eine zusätzliche Schwierigkeit?  

 

AW: Schwierigkeit und Chance. Eine freikirchliche Bewegung, die natürlich nicht eine Integration in die Amtskirche leisten muss, mit wenigen engagierten Pionieren startet  sukzessive gemeindliche Strukturen aufbaut, übrigens als Gegenmodell zu uns oft direkt ausgerichtet an Besonderheiten im regionalen Raum, hat einige Probleme nicht, die wir haben, aber andererseits auch nicht den Resonanzboden und den Support einer Amtskirche.  

 

HvV  Aber Freikirchen sind schon eine Konkurrenz, von der zu lernen ist

 

AW Unbedingt. In vielen Freikirchen ist der Unterschied "bin ich drin oder bin ich draußen" spürbar. Das ist Chance aber auch  Problem. Sowohl für Leute, die zutreten, da werden die Barrieren hoch als auch für diejenigen, die rausgehen, Für die ist der Verlust häufig überdeutlich. Uns gab die Abgrenzung anfangs ein Avandegardegefühl. Heute haben wir die Normalitätsprobleme.

 

HvV Wie vermeidet man den Abstieg beim Erfolg?  

 

AW Da ist die emotionale Komponente. Erste Liebe mündet in eine langfristige Gewohnheit und stellt sich nicht mehr ein. Die Anfangseuphorie, -  langjährige Mitarbeiter erinnern  daran und möchten sie wieder herbeisehnen- ist nicht konservierbar. herstellbar. Zu Anfang waren alle Feuer und Flamme, jetzt sind es nur noch einzelne. Gleichzeitig hat sich Routine auf hohem Niveau eingespielt. Änderungen erhalten den Markenkern. Bei uns ist dies die Arbeit der Kirche mit glaubensdistanzierten Menschen. Dafür ist unsere Gemeinde bekannt geworden. Menschen, die der Kirche fern sind, aber glaubensmäßig interessiert sind, sollen bei uns leicht Zugang finden. 

 

HvV Das heißt, dass man sich möglicherweise sehenden Auges in ein Spannungsverhältnis begibt, nämlich einerseits für  zur Kirche Distanzierte bis weit ins Rhein Main Gebiet hinein Angebote macht, und sich auf der anderen Seite stärker in die hiesige Gemeinde hinein öffnet.  

 

AW Genau! Im Grunde ein dreifaches Wachstum, weil wir eine Dependance in der sogenannten Zweidrittelwelt aufgemacht haben. Der Kirchenvorstand hat das so definiert: es gibt einen lokalen, einen regionalen und einen globalen Schwerpunkt der Gemeinde, hat das auch mit Prozentzahlen versehen: 50, 30, 20. Der globale Schwerpunkt ist mit 20 Prozent die Gemeinde in Kenia. 

 

 

HvV  Müssen wir aufpassen, dass wir den Schwachen nicht das Wenige, was sie können, auch noch wegnehmen, weil wir ja so hilfsbereit sind?  Wird das gesehen als Thema und wie geht man damit um?  

 

AW  Wir sind eine Gemeinde der Schönen, Reifen und Guten, ich meine das ein bisschen spöttisch. Eine solche Gemeinde tut sich schwer, schwache Mitglieder, die nicht so viel leisten können, zu ertragen, vor allem wenn sie in verantwortlichen Positionen sind, z.B. Kundenkontakt haben. Wir haben hier ein hohes Leistungsniveau in der Gemeinde. Das ist erfreulich und problematisch. Menschen mit niedrigem Bildungsstand sagen, wir kommen da gar nicht mit. Meine persönliche Meinung ist, dass es die Qualität einer Gemeinde definiert, ob  sie in der Lage ist, soziale Grenzen zu überschreiten. 

 

HvV Was muss eine Kirchengemeinde tun, um den Übergang von leistungswilligen, wertschätzungsbedürftigen Älteren zu bedürftigen, kranken Älteren zu schaffen? Muss man nicht  Beteiligung solange durchzubuchstabieren, wie es irgendwie geht? Ist das ein Thema auch für diese Gemeinde?

 

AW  Auf jeden Fall. Wir verstärken in unserer Seniorenarbeit, Senioren auch für Senioren arbeiten zu lassen. Ich denke, ein Teil dieser Arbeit muss auch sein, dass Menschen, die dann alt und gebrechlich, sich an irgendeiner Stelle zu beteiligen zum Beispiel  um Beten.  

 

HvV Gibt es auch Hospiz-Überlegungen?

 

AW Aktuell nicht. Aber wir überlegen, dass wir als Gemeinde Gemeindemitgliedern eine Form von Sterbebegleitung angedeihen lassen.  6-7 Leute haben eine Hospiz-Ausbildung gemacht. Wir sind gerade am überlegen, mit der Eschborner Nachbargemeinde einen Verein zu gründen, so dass eine Basis da ist. Das ist keine pflegerische Begleitung, sondern eher eine geistige, geistliche, menschliche.  Vernetzt mit den professionellen Anbietern wollen wir  Menschen darin unterstützen, dass sie zu Hause sterben können. 

 

Anmerkung: Näheres zum Gemeindemodell auf dieser Homepage und auf der Homepage von Dr. Klaus Douglass, www.douglass.de unter „Die Andreas-Story“. Douglass war Pfarrer der Gemeinde von 1989 bis 2009. Sowie in Veröffentlichungen von Kai Scheunemann und Anke Wiedekind.