Auf der ersten Seite des Buches steht:
„Ein Test für außerordentliche Intelligenz ist die Fähigkeit,
zwei gegensätzliche Ideen gleichzeitig zu verfolgen, ohne dabei verrückt zu werden.“ (F. Scott Fitzgerald)
Insofern sind die nächsten 4 Wochen für Euch ein Test, ob ihr außerordentlich intelligent seid. Und wenn Ihr es noch nicht seid, so doch in diesen Wochen außerordentlich intelligent werdet. Wir geben die Hoffnung nicht auf…
An den nächsten vier Sonntagen werdet Ihr jeweils zwei Predigten hören, in denen gegensätzliche Ideen mit teilweise schmerzhafter Radikalität vertreten werden. Jetzt am Sonntag geht es darum, dass Jesus Mensch war (und nicht Gott), nächsten Sonntag wird Mickey Wiese in seiner These vertreten, dass Jesus Gott ist (und nicht Mensch). In den Predigten danach geht es darum, ob Jesus nun Richter ist – oder Freund.
Gegensätzliche Ideen gleichzeitig zu verfolgen, ohne dabei verrückt zu werden ist nicht nur außerordentlich Intelligent. Dieses Denken nennt Richard Rohr mystisch. Es ist mehr als die dialektische Methode, dass man von einer These und einer Antithese eine Synthese ableiten kann – die mal ein besserer, mal ein schlechterer Kompromiss ist. Im mystischen Denken hält man an der Wahrheit zweier gegensätzliche Wahrheiten so lange fest, und löst diese Spannung nicht auf, bis man auf einer höheren Ebene zu einer tieferen Einsicht kommt. Schon Jesus liebte solche Gegensätze, wie z.B. „die Ersten werden die Letzten sein“.
Wie wichtig so ein mystisch-dialektisches Denken gerade heute ist, wird deutlich, wenn wir uns die gesellschaftliche Debatte anschauen. Sie ist so stark von fast bekenntnishaften „Entweder-oder-Denken“ geprägt ist, dass eine Spaltung der Gesellschaft vorprogrammiert ist: Israel oder Palästina, Kriegstreiber oder Pazifist, AFD oder Demokratie, Umwelt oder Wirtschaft? Und jede Form von Kompromiss wird lächerlich gemacht.
Kann es sein, dass in dieser Zeit unsere Aufgabe als Jesus-Nachfolgende die ist, sich von diesem Zwang des „Entweder-oder“ und dem Zwang des Bekenntnisses für die EINE Wahrheit frei zu machen? Dass wir lernen, die Spannung zweier „Wahrheiten“ so lange auszuhalten, bis sich (bis Gott!) eine Offenbarung zeigt, die auf einer höheren Ebene beides vereint? Könnte das das Gebot der Stunde für uns Christen sein?
Ich freue mich auf die nächsten vier Gottesdienste!
Blessings
Kai








